k+a 2017.2: Das Berner Münster

Mit grosser Freude widmet die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK diese Ausgabe von Kunst + Architektur in der Schweiz dem Berner Münster. Der Anlass dafür ist gleich zweifach bedeutsam, denn die seit 2014 laufende Restaurierungskampagne am Himmlischen Hof mit seinen 85 überlebensgrossen Heiligenfiguren, welche die Schlusssteine des Chorgewölbes zieren, wird dieses Jahr abgeschlossen. Gleichzeitig feiert das Chorgewölbe, ein bautechnisches und gestalterisches Meisterwerk, das im Reformationsjahr 1517 vollendet wurde, sein 500-jähriges Jubiläum. Ein intensiver Austausch mit der Münsterbauhütte und vielen der am Projekt Beteiligten hat dazu geführt, dass wir Ihnen ein vielseitig vertiefendes Spektrum zur Baugeschichte des Chorgewölbes, zu den damals beteiligten Künstlern sowie den neuesten Erkenntnissen, die im Verlauf der gesamten Restaurierung gewonnen wurden, präsentieren können. Diese Einblicke verdeutlichen auch, wie viel sich seit Erscheinen des letzten Kunstdenkmälerbands der GSK von Luc Mojon vor fast 60 Jahren verändert hat: So haben sich etwa Restaurierungs- und Konservierungsethik sowie deren Praxis radikal gewandelt, und innovative Technologien erschliessen völlig neue Dimensionen der Bauerfassung und -dokumentation. Wenn das Berner Münster und sein Heiligenhimmel jetzt wieder – gerüstfrei! – in ihrem ganzen Glanz erstrahlen, so werden Besucherinnen und Besucher von nah und fern sich an einem bildplastischen Werk erfreuen können, das zu den schönsten und bedeutendsten seiner Zeit in Europa gehört.
Preis: CHF 25.00
GSK-Mitgliederpreis: CHF 17.00
Bestellungen über Webshop (www.gsk.ch) oder im Buchhandel.
Inhalt:
Dossier 1
Annette Loeffel, Christoph Schläppi
Das Berner Modell
Zusammenfassung
Viele Kenntnisse, die bei der Restaurierung des 500-jährigen Chorgewölbes angewendet werden, sind in den letzten 20 Jahren am Berner Münster erarbeitet und schrittweise ausgebaut worden. Dahinter stehen neue Paradigmen im Umgang mit Substanz und Oberflächen. Statt auf grossflächige Austauschmassnahmen wird heute wann immer möglich auf die Methoden der Steinkonservierung und -restaurierung zurückgegriffen. Die instand gestellten historischen Oberflächen besitzen als Informationsträger grössten Wert und tragen zu einer neuen Ästhetik des Denkmals bei. Die Berner Arbeitsweise erfordert nebst hohen technischen Kompetenzen auch ein elaboriertes System von Dokumentation und Nachkontrolle. Die Freiheiten, die für diese Neuausrichtung erforderlich waren, sind der Organisationsform der Trägerschaft als Stiftung zu verdanken. Mit der neuen Arbeitsweise konnten in den letzten Jahren beträchtliche Unterhaltsrückstände aufgeholt werden. Das erlangte Know-how kommt dank seiner denkmalpflegerischen und finanziellen Vorzüge in letzter Zeit vermehrt auf auswärtigen Werkplätzen zur Anwendung.
Dossier 2
Stephan Gasser
Die Gewölbeschlusssteine des Berner Münsterchors
Zusammenfassung
1517 wurde der Chor des 1421 begonnenen Berner Münsters eingewölbt und dabei mit 86 figürlichen Schlusssteinen geschmückt. An diesen Arbeiten waren über 50 Handwerker beteiligt: der Münsterbaumeister Peter Pfister mit mindestens 33 anhand der Steinmetzzeichen eruierbaren Steinmetzen und einem guten Dutzend Zimmerleuten, Maurern und Hilfskräften, der Maler Niklaus Manuel Deutsch und seine Knechte sowie ein halbes Dutzend Bildhauer, deren Namen unbekannt sind. An den Schlusssteinen ist eine Vielzahl von Heiligen dargestellt, die sich um einen grossen Sprengring mit Berner Wappen auf dem Deckel gruppieren und von Engeln begleitet werden, die ebenfalls die Hoheitszeichen der Aarestadt präsentieren. Repräsentiert durch ihr Wappen und eine Reihe prominent platzierter Lokalheiliger, präsentiert sich die Stadt Bern am Gewölbe als integraler Bestandteil des Himmlischen Hofes.
Dossier 3
Jan-Ruben Fischer
Digitale Photogrammetrie an den Schlusssteinen des Berner Münsters
Neue Perspektiven für Denkmalpflege und Inventarisation
Zusammenfassung
Erst durch die sprunghafte technische Entwicklung der letzten Jahre ist es möglich geworden, automatisiert hochauflösende 3D-Modelle einzig aus unzähligen Fotografien berechnen zu können. Zusammen mit hochentwickelter digitaler Kameratechnik und dem schnell wachsenden Trend der Parallelisierung von Computerrechenprozessen sowie der Entwicklung immer leistungsfähigerer Software und Algorithmen hat sich die digitale Photogrammetrie aus einer Spezialdisziplin aus der Denkmalpflege heraus zu der räumlichen Objekterfassungsmethode der Wahl auch für viele andere Anwendungsbereiche entwickelt. Im Einsatz für die 3D-Oberflächenerfassung der Schlusssteine am Berner Münster haben sich die 3D-Modelle aus der digitalen Photogrammetrie als ideale Ausgangsprodukte bewährt, um für den Einsatz in der Denkmalpflege, der Bauwerksdokumentation, dem 3D-Druck oder vielseitig in medialen Anwendungen weiterverarbeitet zu werden. Die Methode zeigte sich als äusserst flexibel und adaptierte sich an schwierige Szenarien, wo andere Methoden an ihre Grenzen stiessen. Eine sorgfältige Planung und Durchführung der Aufnahmen resultiert in einem hochpräzisen farbigen 3D-Oberflächenmodell. Sie ist ideal für das Erfassen und Nachbilden komplexer, detaillierter und strukturierter Oberflächen. Der einmalige Schatz der 500 Jahre alten Netzgewölbeschlusssteine des Berner Münsters ist nun mittels digitaler Photogrammetrie bis in das kleinste Detail geometrisch und farblich erfasst und für zukünftige Generationen archiviert. Er ist heute nur noch einen Mausklick entfernt und gewährt Einblicke, die über die Jahrhunderte hinweg nur ganz wenigen Menschen unter einem hohen Aufwand möglich waren. So unterstützen die digitalen 3D-Modelle nicht nur die Aufgaben in der Denkmalpflege, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Information der Öffentlichkeit.
Dossier 4
Alexandra Druzynski v. Boetticher, Peter Völkle
Mit Methoden der Bauforschung
Neue Erkenntniswege zur Baugeschichte des Berner Münsters
Zusammenfassung
Im Rahmen des durch den Schweizerischen Nationalfonds und die Burgergemeinde Bern finanzierten Projekts wird das Berner Münster zurzeit mit den Methoden der Bauforschung umfassend untersucht. Dank der seit 2014 laufenden Restaurierungsarbeiten ist der Chor durch die Gerüste besonders gut zugänglich und zeigt eine Fülle an Befunden. So konnten Vermutungen verifiziert und viele neue Erkenntnisse durch genaues Beobachten erlangt werden. Sichtbare Baunähte, unterschiedliche Bearbeitungsarten der Steinoberfläche und Steinmetzzeichen ermöglichen es nun, den Bauablauf zu rekonstruieren. Darüber hinaus bieten dendrochronologische Untersuchungen an den Dachwerken auch naturwissenschaftliche Grundlagen für eine exakte zeitliche Einordnung. Besonders interessant sind auch die Erkenntnisse zum Gewölbe von 1517: Durch die Beobachtung der Oberflächenbearbeitung aus unmittelbarer Nähe konnte erstmals mit Bestimmtheit festgestellt werden, dass die Gewölbeanfänger – und damit die geometrische Grundlage des heutigen Gewölbes – bereits in den 1430er Jahren angelegt wurden.
Dossier 5
Adeline Zumstein
«Die Fundamente sind gut, der Mörtel ausgezeichnet.»
Wertvolle Erkenntnisse aus Quellen des 19. und 20. Jahrhunderts
Zusammenfassung
Seit 2012 erschliesst ARCHEOS im Auftrag der Berner Münster-Stiftung Quellen zum Münster. Die Arbeit in den Archiven ist aufwendig, birgt aber ein enormes Potential. Einen zentralen Bestand stellen dabei die 1889 bis 1917 entstandenen 88 Baujournale der Münsterbauhütte dar, die aus der Zeit der Turmfertigstellung und verschiedener daran anschliessender Sanierungskampagnen stammen. In diesen sind sämtliche Arbeiten im und am Münster sowie besondere Ereignisse als Tagesrapporte erfasst. Damit sind die Baujournale immens wichtige Quellen sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die tägliche Arbeit der Münsterbauhütte bei laufenden Restaurierungsarbeiten. Gleichzeitig zeigen die Erkenntnisse aus diesen Baujournalen, wie wichtig eine systematische, zielgerichtete und nachhaltige Erschliessung und eine interdisziplinäre Auswertung des gesamten vorhandenen Quellenmaterials zum Münster sind.
Dossier 6
Kathrin Utz Tremp et Fanny Abbott
Le Chapitre de St-Vincent (1484-1528) et ses antiphonaires
Du Moyen Age à nos jours, le parcours mouvementé d’un chef-d’oeuvre liturgique
Zusammenfassung
Die Antiphonare des Berner Münsters St. Vinzenz
Die Antiphonare des Berner Münsters, von denen sich heute vier in Estavayer-le-Lac und zwei in Vevey befinden, waren ursprünglich für das Kapitel von St. Vinzenz in Bern hergestellt worden, das 1484/85 gegründet und in der Reformation 1528 gleich wieder aufgehoben wurde. In den Antiphonaren lässt sich die Handschrift zweier Schreiber – Meister Michel und Konrad Blochinger – nachweisen, aber auch die Handschrift von zwei Illuministen: einer von ihnen ein traditioneller Anonymus, der andere der bekannte Meister des Breviers des Jost von Silenen (oder auch Meister des Georg von Challant), von Albert Jörger 1975 klar identifiziert. Mit der Identifizierung der Schreiber und der Illuministen kam man erst entscheidend weiter, als Joseph Leisibach 1982 entdeckte, dass die zwei Antiphonare, die in Vevey liegen, zu den vier gehören, die in Estavayer-le-Lac liegen. Erst Leisibach war es möglich, den Anteil von Konrad Blochinger abzuschätzen, der einerseits als Schreiber, in einem der beiden in Vevey liegenden Bände (Vevey 1346) aber auch als Illuminist gearbeitet hatte.
Interview | Interview | Intervista
Michael Leuenberger, Zara Tiefert
Wie geht man mit einem 500-jährigen Lebewesen um?
Ein Round-Table-Gespräch über die Restaurierung des Berner Münsters und die Wichtigkeit des fächerübergreifenden Dialogs.
Annette Loeffel – Marcel Maurer – Dr. Christine Bläuer – Cornelia Marinowitz
Dossier 7
Bernd Nicolai
Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des Berner Münsters
Zusammenfassung
Das Berner Münster  gehört zu den herausragenden Bauten der Spätgotik im schwäbisch-alemannischen und oberrheinischen Kunstkreis. Das SNF-Projekt untersucht den Bau unter neuen Fragenstellungen der Bauforschung, der internationalen Netzwerke sowie der medialen Strategien der Berner Burgerschaft. Dabei entstehen neue Erkenntnisse hinsichtlich des Bauverlaufs, der Bauorganisation und der am Münster tätigen Baumeister sowie der eingesetzten künstlerischen Mittel und der medialen Dimension des Bauwerks.  Ziel ist es ferner, den Bau innerhalb des internationalen Geflechts der Freien Städte des Heiligen Römischen Reichs zu verorten.
Dossier 8
Hans Christoph von Tavel
Niklaus Manuel und das Berner Münster
Zusammenfassung
Die bildnerische Ausstattung des Münsters bedeutete zu Niklaus Manuels Lebzeiten (um 1484–1530) einen Schwerpunkt der künstlerischen Aktivitäten in Bern. Vom Bildhauer und Münsterbaumeister Erhart Küng (um 1420–1507), namentlich von der Hauptvorhalle des Münsters, war Manuel wohl sehr beeindruckt. Während er als Maler ab 1514 vor allem im Dominikanerkloster tätig war, zog man ihn 1517 zur Skizzierung des plastischen Schmucks des Chorlettners im Münster und zur Gestaltung des Chorgewölbes bei, das in zwei Kappen eine Signatur des Künstlers trägt. Als Experte für das Chorgestühl besichtigte er entsprechende Werke in Genf. Am bildnerischen Schmuck des Berner Chorgestühls ist seine Hand jedoch nicht zu erkennen.
Interview | Interview | Intervista
«Die Kunstdenkmäler der Schweiz» – prominent
Interview mit dem Berner Stadtpräsidenten Alec von Graffenried
Publikationen der GSK | Publications de la SHAS | Pubblicazioni della SSAS
Schweizerische Kunstführer Serie 101
Aktuell | Actuel | Attuale
GV in Thun: Wichtige Entscheide für die Zukunft der GSK
Aktuell | Actuel | Attuale
Nicole Pfister Fetz, lic. phil. I, Präsidentin GSK
Billet de la présidente
Netze spinnen, Neuland gewinnen
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